Neurodingsda

Schlagwort: Autismus

  • Offene Worte, verschlossene Türen – ein Brief an eine unbestimmte Person

    Ich rede. Du bleibst still.

    In meinen Worten zeige ich dir, wer ich bin. Keine versteckte Bedeutung, keine Codes, keine Zweideutigkeiten. Einfach nur Worte in ihrer wahren Bedeutung. Ein Hoffen auf echte Verbindung. Ein Wunsch nach Austausch auf Augenhöhe. Ich spreche und meine Worte werden verdreht. Aus dem Kontext gerissen. Überinterpretiert. Im schlimmsten Fall dämonisiert. Ich bin nicht böse. Ich bin doch nur ich.

    Ich reiche dir die Hand. Du bleibst regungslos.

    Angestrengte Versuche, die Wogen zu glätten. Meinen Kommunikationsstil zu erklären. Dir zu vermitteln, dass du nicht mehr hinein interpretieren musst und sollst. Du sagst, dass du verstehst. Aber stimmt das wirklich? Verstehst du mich wirklich? Denn bei der nächsten Gelegenheit ist das Spiel wieder dasselbe. Und ich bleibe chancenlos. Der Punkt geht an dich. Deine Stille ist stärker. Dein Unverständnis gewinnt. Ich kann nur verlieren.

    Ich ziehe eine Grenze. Du verschliesst dich.

    Dein Schweigen wird zur Macht. Meine Offenheit hinterlässt mich schutzlos. Ich lerne langsam: Es liegt nicht an mir. Und trotzdem trifft es mich. Denn wer sich zeigt, hofft immer auf ein Gegenüber. Ich sage: Da bin ich. Und warte auf ein Echo. Vielleicht wirst du nie hören, was ich wirklich meine. Vielleicht bist du längst gegangen, auch wenn du noch da bist. Aber ich bleibe hier und ich bleibe bei mir.

  • 75 Soft – Unmasking your AuDHD

    Heute habe ich ein Videotagebuch auf Youtube gesehen, in dem eine junge Frau ihre 75 Days Hard-Challenge dokumentiert hat. Neben meiner Bewunderung für ihr Durchhaltevermögen und ihren Willen empfand ich eine gewisse Ablehnung dieser Challenge gegenüber.

    Man soll über seine Grenzen gehen und sich beweisen, dass man alles kann, wenn man nur genug fest will. Aber es geht auch wieder nur um Leistung – wie immer in unserer Leistungsgesellschaft. Man soll die möglichst beste Version von sich selber sein: Sportlich, schlank, ernährungsbewusst aber gleichzeitig auch achtsam und alle Lebensbereich in Balance halten können. Und wenn man einen Tag nicht schafft, weil das Leben einfach manchmal zu viel ist? Dann muss man wieder von vorne beginnen – so lautet die Abbruchregel. Diese Selbstoptimierung? Die kotzt mich manchmal einfach an.

    Aber dann hatte ich einen Geistesblitz…

    Was wenn es eine Version dieser Challenge gäbe, in der es wirklich um Selbstfürsorge geht? Was, wenn du nicht die beste Version deiner selbst sondern der beste Freund für dich selbst werden sollst?

    ✨75 Soft – Unmasking your AuDHD✨ wurde geboren.

    Die Spielregeln

    1. Täglich 30 Minuten bewusste Bewegung 🕺
      • Unterschätzte Methode der Selbstregulation
      • Du entscheidest – Spaziergang, Kraftsport, Yoga, einfach nur zu Musik bewegen, wippen, hüpfen? Es muss sich nur für dich gut anfühlen!
      • Übrigens: Repetitive Bewegung ist besonders gut für das Nervensystem.
    2. Ohne schlechtes Gewissen täglich deine Safe und Same Foods essen 🍽
      • Fed is best!
      • Das schafft Kapazitäten für andere Dinge und spart Energie.
    3. Täglich 1.5 Liter ungesüsste Flüssigkeit trinken und kein Alkohol 💧
      • Wir neigen dazu das Trinken zu vergessen.Besorg dir eine schöne Flasche und halte sie in Sichtweite.
      • Ich trinke ja am liebsten aus Strohhalmen, weil das gleich noch einen sensorische Input gibt.
    4. Täglich Journaling in einer Art, die für dich stimmt 📝
      • Für Ungeduldige: Setze den Timer auf 5 Minuten und schreib so viel du kannst
      • Nur stichwortartig oder ganze Seiten voll
      • Themenvorschläge: z. B. „Heute habe ich mich echt gesehen gefühlt, als …“, „Ein Moment, wo ich gemerkt habe, dass ich maskiere …“ , „Heute habe ich mich bewusst für meine Bedürfnisse entschieden, als …“
    5. Täglich bewusst „Nein“ sagen und bei Unklarheiten nachfragen 🚫
      • Nein ist ein vollständiger Satz. Du brauchst dich nicht endlos zu erklären.
      • Du MUSST nicht alles auf Anhieb und ohne Kontext verstehen. Neurotypisch ist eine Fremdsprache für dich.

    Abbruchregel: Gibt es keine. Es geht hier um Selbstfürsorge, nicht um Zwang oder Leistung. Wenn du an einem Tag nicht alle Punkte schaffst, dann ist es so. Die eigenen Grenzen akzeptieren zu können, ist ein grosser Teil des Lernprozesses. Leg dich ins Bett, sei stolz auf dich und mach am nächsten Tag einfach wieder weiter. Auch das ist Teil von Unmasking: Pausen zulassen.

    Ich bin überzeugt, dass der sanfte Weg genau das ist, was viele von uns brauchen. Nicht mehr „funktionieren“. Sondern sein. Ich werde die 75 Soft – Unmasking your AuDHD selbst ausprobieren. Mal sehen, wohin es führt. Natürlich nehme ich euch mit und werde hier ab und zu Updates geben! 😌

    Und wenn du das Gefühl hast: „Das könnte auch mir gut tun“ – dann bist du herzlich eingeladen, mitzukommen. Unsere Revolution ist soft!

  • Inklusion ja – solange es nicht unbequem wird?

    Disclaimer vorneweg: Natürlich finde ich es großartig, dass Neurodiversität endlich mehr Sichtbarkeit in den Medien bekommt. Versteht mich bitte nicht falsch – meine Wut richtet sich nicht gegen diese wichtigen Beiträge, sondern gegen ein System, das sich trotz aller Aufklärungsarbeit hartnäckig weigert, umzudenken.
    Neurodivergent ist man einfach – aber krank macht einen das System.
    Das ist einer der Hauptgründe, warum ich diesen Blog ins Leben gerufen habe. Er ist mein Ventil.

    🔮 Moment mal… Was fühle ich denn da?!

    Gestern haben mein Partner und ich einen Beitrag der SRF-Sendung PULS zum Thema Neurodiversität angesehen. Wie so oft hat mein Gehirn die Informationen aus der Sendung zunächst neutral aufgenommen uWie so oft hat mein Gehirn die Informationen erstmal neutral aufgenommen. Keine unmittelbare Reaktion. Erst heute – mehr als zwölf Stunden später – wurde mir klar, dass mich einige Szenen tief bewegt haben.

    Besonders der Beitrag über die Agentur twofold hat etwas in mir ausgelöst. Dort scheint man wirklich verstanden zu haben, was es bedeutet, neurodivergent zu sein – und richtet das Unternehmen danach aus. Das ist zwar nicht weiter erstaunlich, wenn sowohl Gründer:in als auch Management neurodivergent ist. Es sollte aber auch unbedingt in seiner Vorbildfunktion betrachtet werden und mehr Aufmerksamkeit dafür bekommen!

    Ein Zitat von Marius Deflorin, COO bei twofold, ist mir besonders im Kopf geblieben:

    Man geht auf die individuellen Bedürfnisse der Mitarbeitenden ein. Man schert nicht alle generalisiert über denselben Kamm. Man kann schon ganz viel bewirken, indem man das Individuum respektiert.

    In diesen wenigen Sätzen steckt eine gewaltige Kraft und eine Erkenntnis, die eigentlich als gesunder Menschenverstand gelten sollte.

    Wir alle sind Individuen, mit eigenen Bedürfnissen, Wünschen, Erwartungen, Zielen, Träumen und Hoffnungen. Irgendwo in der Entwicklung der Menschheit ist diese Tatsache aber auf der Strecke geblieben. Heute werden wir als grauer Einheitsbrei betrachtet, der problemlos 42 Stunden pro Woche arbeiten kann und dabei stets einwandfrei funktionieren soll.

    Mit Menschsein hat das nicht mehr viel zu tun. Unter diesem Zustand leiden alle, aber neurodivergente Personen noch stärker. Wir sind neurobiologisch nicht kompatibel mit dieser Welt. Uns fehlen nicht Fähigkeiten, sondern passende Rahmenbedingungen. Im richtigen Garten können auch wir aufblühen.

    Da muss man ja depressiv werden

    Mein Leben lang haben Menschen versucht mich nach ihren Vorstellungen zu formen und mit ihren Werten zu beeinflussen. Mir war immer bewusst, dass nicht hinein passe und dass alle versuchen, mich doch noch passend zu machen.

    Zu direkt.
    Zu unsicher.
    Zu viel.
    Zu laut.
    Zu wenig.
    Zu kämpferisch.
    Zu desinteressiert.

    So viele Labels. Und nie einfach: gut genug.

    Das hinterlässt Spuren.

    Es ist kein Wunder, dass ich mich dieser Welt oft nur noch mit Serotonin in Tablettenform stellen kann. Ich gehe offen mit meinen Diagnosen um – weil ich mich lange genug versteckt habe. Und mich dabei selbst verloren. Das ist ein Preis, den ich nicht mehr bereit bin zu zahlen.

    Ich hoffe, dass mein Umgang mit dem Thema zur Aufklärung und Inklusion beitragen kann. Bis jetzt habe ich damit keine stark negativen Erfahrungen gemacht. Trotzdem ist in meinem Kopf eine Frage, die sich mir im Alltag immer wieder aufdrängt:

    Wenn Inklusion endet, sobald es unbequem wird – war sie dann je echt?