Neurodingsda

Kategorie: Emotion: Wut

Hier schreibe ich über alles, was Wut in mir auslöst.

  • Inklusion ja – solange es nicht unbequem wird?

    Disclaimer vorneweg: Natürlich finde ich es großartig, dass Neurodiversität endlich mehr Sichtbarkeit in den Medien bekommt. Versteht mich bitte nicht falsch – meine Wut richtet sich nicht gegen diese wichtigen Beiträge, sondern gegen ein System, das sich trotz aller Aufklärungsarbeit hartnäckig weigert, umzudenken.
    Neurodivergent ist man einfach – aber krank macht einen das System.
    Das ist einer der Hauptgründe, warum ich diesen Blog ins Leben gerufen habe. Er ist mein Ventil.

    🔮 Moment mal… Was fühle ich denn da?!

    Gestern haben mein Partner und ich einen Beitrag der SRF-Sendung PULS zum Thema Neurodiversität angesehen. Wie so oft hat mein Gehirn die Informationen aus der Sendung zunächst neutral aufgenommen uWie so oft hat mein Gehirn die Informationen erstmal neutral aufgenommen. Keine unmittelbare Reaktion. Erst heute – mehr als zwölf Stunden später – wurde mir klar, dass mich einige Szenen tief bewegt haben.

    Besonders der Beitrag über die Agentur twofold hat etwas in mir ausgelöst. Dort scheint man wirklich verstanden zu haben, was es bedeutet, neurodivergent zu sein – und richtet das Unternehmen danach aus. Das ist zwar nicht weiter erstaunlich, wenn sowohl Gründer:in als auch Management neurodivergent ist. Es sollte aber auch unbedingt in seiner Vorbildfunktion betrachtet werden und mehr Aufmerksamkeit dafür bekommen!

    Ein Zitat von Marius Deflorin, COO bei twofold, ist mir besonders im Kopf geblieben:

    Man geht auf die individuellen Bedürfnisse der Mitarbeitenden ein. Man schert nicht alle generalisiert über denselben Kamm. Man kann schon ganz viel bewirken, indem man das Individuum respektiert.

    In diesen wenigen Sätzen steckt eine gewaltige Kraft und eine Erkenntnis, die eigentlich als gesunder Menschenverstand gelten sollte.

    Wir alle sind Individuen, mit eigenen Bedürfnissen, Wünschen, Erwartungen, Zielen, Träumen und Hoffnungen. Irgendwo in der Entwicklung der Menschheit ist diese Tatsache aber auf der Strecke geblieben. Heute werden wir als grauer Einheitsbrei betrachtet, der problemlos 42 Stunden pro Woche arbeiten kann und dabei stets einwandfrei funktionieren soll.

    Mit Menschsein hat das nicht mehr viel zu tun. Unter diesem Zustand leiden alle, aber neurodivergente Personen noch stärker. Wir sind neurobiologisch nicht kompatibel mit dieser Welt. Uns fehlen nicht Fähigkeiten, sondern passende Rahmenbedingungen. Im richtigen Garten können auch wir aufblühen.

    Da muss man ja depressiv werden

    Mein Leben lang haben Menschen versucht mich nach ihren Vorstellungen zu formen und mit ihren Werten zu beeinflussen. Mir war immer bewusst, dass nicht hinein passe und dass alle versuchen, mich doch noch passend zu machen.

    Zu direkt.
    Zu unsicher.
    Zu viel.
    Zu laut.
    Zu wenig.
    Zu kämpferisch.
    Zu desinteressiert.

    So viele Labels. Und nie einfach: gut genug.

    Das hinterlässt Spuren.

    Es ist kein Wunder, dass ich mich dieser Welt oft nur noch mit Serotonin in Tablettenform stellen kann. Ich gehe offen mit meinen Diagnosen um – weil ich mich lange genug versteckt habe. Und mich dabei selbst verloren. Das ist ein Preis, den ich nicht mehr bereit bin zu zahlen.

    Ich hoffe, dass mein Umgang mit dem Thema zur Aufklärung und Inklusion beitragen kann. Bis jetzt habe ich damit keine stark negativen Erfahrungen gemacht. Trotzdem ist in meinem Kopf eine Frage, die sich mir im Alltag immer wieder aufdrängt:

    Wenn Inklusion endet, sobald es unbequem wird – war sie dann je echt?